Zentrifuge

Dürers Triumphzug - ein neuer alter Kunstkonservativismus in Nürnberg?

Ein Beitrag von von Dr. Harald Tesan.

Sich neuester Technik zu bedienen um etwas zu zeigen, was man nicht sieht oder nicht mehr hat, ist eine gängige Praxis. Ein guter Ansatz ist ferner, das Rathaus als einen Ort bürgerlicher Kultur wieder mehr ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken. Und weshalb nicht auch noch der Kunstszene in der Region eine Plattform bieten, um aktuellen Positionen mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen? - Alles eine prima Idee! Insofern hätte das Auftaktwochenende vom 3. bis 5. August 2012 im Rathaus der "Dürer-Stadt Nürnberg" eigentlich eine feine Sache werden können.    

Manchen Besucher, der sich auf die "multimediale Zeitreise im Rathaussaal" begab, mag dennoch ein ungutes Gefühl beschlichen haben. An die Stelle des offenbar erwünschten Gänsehauteffekts trat Befremden angesichts einer Inszenierung, die derart bombastisch daherkam, dass sie schon wieder unfreiwillig komisch wirkte. Selbst wer im Stande war die laute, kitschig-schwülstige Soundkulisse nach Hollywood-Manier auszublenden, sah sich einem Bombardement hektisch aufblitzender und dahinhuschender Bilder ausgesetzt. Kennen wir diese sight & sound-Spektakel nicht seit Jahrzehnten von einschlägigen Touristenorten? Sind wir dergleichen PC-Spielereien nicht längst überdrüssig? (Im guten Glauben, eine nur allzu geläufige Ästhetik bedienen zu müssen, ist man leider auch an den vollgeplotteten Wänden der inhaltlich schlüssig konzipierten Dürer-Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum den Versuchungen einer optischen Reizüberflutung durch Blowups und Icons erlegen).     

Leicht konsumierbar war der eigentlich nur aus Superlativen bestehende Text der Rathaus-Multivision. Fühlt man sich in Nürnberg inzwischen so klein, dass man sich derart vordergründig groß reden muss? Vom eher peinlichen Pfeifen im Walde abgesehen: Traut man sich dem zeitgenössischen Publikum kein auch nur eine Sekunde stillstehendes Bild mehr zuzumuten? Wäre es nicht besser gewesen, die Projektion eines Rekonstruktionsversuches für wenigstens 15 Minuten an der weißen Längswand des Rathaussaales stehen zu lassen, um dem Betrachter Gelegenheit zu geben, sich tatsächlich mit dem Bildprogramm der verlorenen Dürer-Wandgemälde auseinanderzusetzen? In diese Richtung darf weitergedacht werden. Statt einer oberflächlichen Multivision könnte man eine aus dem fotoarchivarischen Material erarbeitete Dokumentation, gleichsam als temporäres Fresko, vor Ort zu bestimmten Zeiten zeigen.

(...)

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