Eine Einführung in einen Workshop
Michael Schels, anlässlich des Netzwerkertreffens im Südpunkt, Nürnberg, 1.4.2011
Diese Rede wurde frei und verkürzt gehalten - der Text ist somit umfangreicher und enthält einige Aspekte, die beim freien Vortrag nur zum Teil und in verkürzter Form zur Sprache kamen.
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kunst- und Kulturfreunde, liebe Kreative,
„Die Angst des Künstlers vor dem Markt“ ist kein ganz ernst zu nehmender - vielmehr ein spielerisch gemeinter Titel für den Workshop, den ich beim heutigen Netzwerkertreffen halten darf. Kunst und Spiel haben ja einiges miteinander zu tun, sofern sich beide der Realität entheben – diese gewissermaßen übersteigen.
Ich hätte den Titel dieses Workshops genauso gut auch anders herum formulieren können und hätte das Thema, auf das ich abziele, dabei ebenso ins Visier genommen: „Die Angst des Marktes vor dem Künstler“.
Natürlich hat der Künstler keine Angst vor dem Markt. Wie sollte er auch? Der Künstler hat genauso viel oder wenig Angst vor dem Markt wie der Markt vor ihm. Er hat mehr oder weniger Angst vor allem Möglichen und auch der Markt muss ja mit einigen Risiken leben.
Manche, womöglich viele Menschen, empfinden ja sogar Lust, wenn sie mit dem Markt zu tun haben. „Den“ Markt - gibt es den überhaupt? Den Markt für den Künstler muss man suchen, in Nürnberg ganz besonders. Und den Künstler für den Markt, den muss man zwingen. Wozu? Zu mehr Disziplin, Anstrengung, Selbstbehauptung. Oder Selbstverleugnung? Der Künstler soll marktfähig werden, damit er uns nicht auf der Tasche liegt. „Sei Künstler und verdiene Geld. Ansonsten lass es sein und mach dich nützlich.“ Sie sehen: Hier deuten sich erste Verwerfungen und Unstimmigkeiten an.
Der Titel dieses Workshops hat eher hinführenden, hinterfragenden Charakter. Und das ist auch meine Absicht: Ich will Phänomene, Prozesse, Meinungen, Gefühle und Sachverhalte zur Sprache bringen, die sich um drei Begriffe drehen: Den Künstler, die Angst und den Markt. Wie diese zusammenhängen, wer vor wem Angst hat oder auch nicht, welche Emotionen, Perspektiven und Erkenntnisse im Spannungsfeld Kunst und Kommerz ausgemacht werden können, das möchte ich heute mit den Teilnehmern des Workshops ausloten.
Ich selbst arbeite als Freiberufler in diesem Spannungsfeld zwischen Kunst und Kommerz, wobei ich weitaus mehr mit Künstlern als mit Geld zu tun habe. Die Zentrifuge ist ein gemeinnütziges Projekt Auf AEG, das seit drei Jahren Künstlern und Kreativen eine Plattform bietet und dabei überregional wirksame Vernetzung anstrebt. Wir agieren dabei hart an der Grenze zur Selbstausbeutung, wenn wir sie nicht schon überschritten haben. Die Förderung durch das Kulturreferat und die Unterstützung einiger Sponsoren geben uns einen gewissen Spielraum für unsere Arbeit, doch ist die Zukunft der Zentrifuge in der Halle 14 Auf AEG mangels finanzieller Ressourcen ungewiss.
Einen Markt für die Zentrifuge gibt es streng genommen nicht. Oder falls es ihn gibt, so müssen wir ihn erst noch entdecken oder gar erfinden.
Wir arbeiten hart daran, unsere Stimmung schwankt dabei zwischen Enthusiasmus und Verzweiflung. Die Aufmerksamkeit, die gegenwärtig vielen Einzelkämpfern in der Kunst und Kulturszene durch die Kultur- und Kreativwirtschaft zuteil wird, birgt große Chancen. Zumindest sind damit Hoffnungen für viele Menschen verbunden, die künstlerisch und kreativ arbeiten und hier in der Region bislang eher ein Schattendasein fristen. Die Initiative der Bundesregierung nährt die Hoffnung, dass sich dies ändern könnte. Ich bin gespannt, was die nächsten Monate und Jahre bringen – ob es tatsächlich gelingt, ein offenes, tolerantes kreatives Milieu in der Metropolregion entstehen zu lassen. Auf AEG gibt es bereits erste Anzeichen dafür. Hoffen wir, dass das Engagement der Künstler und Kreativen Auf AEG auch vom Markt – also letztlich von Menschen, die über finanzielle Ressourcen verfügen - gewürdigt wird. Zum Markt zählen also auch Unternehmer als potenzielle Sponsoren und Politiker als Entscheider über Förderung von Kunst und Kultur. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist eine Herausforderung nicht nur für Künstler und Kreative. Es müssen viele Menschen neue Wege gehen und nach Alternativen suchen. Veranstaltungen wie diese oder auch das Großraumfestival „Made in...“ dienen der Vernetzung und dem Austausch über Potenziale und Möglichkeiten. Doch das allein wird nicht genügen. Wir stehen vor einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe. Die Entstehung neuartiger, authentischer und existenztragender Lebens- und Arbeitsformen ist damit verbunden.
Der Titel „Die Angst des Künstlers vor dem Markt“ ist also im positiven Sinne provokativ, nämlich herausfordernd, gemeint. Es ist ein irritierender und bei genauerer Betrachtung doch erhellender Titel: Denn: Ja, es gibt sie, die Angst des Künstlers vor dem Markt. Es muss keine pure Angst sein. Es lassen sich angesichts des Marktes auch Empfindung wie Wut, Frustration, Skepsis oder Neid ausmachen. Der lupenreine Künstler ist hier ausgenommen – denn der schert sich einen feuchten Kehricht um den Markt. Und „den“ Markt, den gibt es sowieso nicht. Es gibt vielleicht Zusammenhänge und Verbindungen, die insgesamt so etwas wie einen Markt ausmachen. Es gibt viele Märkte. Es viele Künstler. Und es gibt viele Ängste.
Wir sollten uns meiner Ansicht nach auch über Einstellungen und Werte austauschen, wenn wir über Kunst und Kommerz reden. Und über Systeme und Sichtweisen. Wer urteilt worüber und über wen mit welchem Zweck oder in welcher Absicht? Wie urteilt der Künstler über den Markt und wie urteilt der Markt über den Künstler? Beide sind erst dann gut aufeinander zu sprechen, wenn Geld fließt. Der Markt kann mit der Arbeit des Künstlers etwas anfangen, wenn er ein Werk absetzen, also verkaufen kann und der Künstler kann sich mit dem Markt zumindest insoweit anfreunden, als dieser ihm im Erfolgsfall das Leben mittels Geld versüßt. Im Grunde drehen sich alle Anstrengungen um die Frage: Wie kann man über das Medium Geld unterschiedlichste Ansprüche vermitteln, wenn nicht sogar versöhnen? Und ist Geld das einzig gültige Medium oder ist es nicht vorrangig die Aufmerksamkeit, die entsteht und der das Geld dann folgt?
Der Künstler repräsentiert ja im Grunde eine Lebensform, die heute jedem Werktätigen zukommt, sofern er nicht mehr im alltäglichen Getriebe aufgehoben ist. Der Fluch und der Segen künstlerischen Tuns liegt in der Freiheit, etwas Schöpferisches, Kreatives, im besten Falle Künstlerisches zu tun, - etwas, das man aus sich selbst schafft und von dem man idealerweise leben können will. Je mehr Menschen mangels beruflicher Perspektiven sich zu frei schaffenden Künstlern und Kreativen entwickeln, desto größer wird die Freiheit und mit ihr die Sorge. Nicht jeder kann ein Künstler sein, auch wenn er nichts besseres zu tun haben mag. Auch wird nicht jeder als Kreativer seinen Lebensunterhalt verdienen können, selbst wenn der Drang dahin groß ist und Kreativität am Arbeitsmarkt zu einer Schlüsselqualifikation mutiert.
In Zukunft sind flexible, mobile, kreative Wissensarbeiter gefragt sein, die nicht mehr in Anstellungen, sondern in Projekten arbeiten. Eine Gesellschaft aus spezialisierten Projektmanagern – hoch individualisiert und dabei zugleich in höchstem Maße untereinander vernetzt und voneinander abhängig. Es wird eine neue Gesellschaft entstehen mit ungeahnten Formen der Entlohnung und sozialen Absicherung. Das Bedingungslose Grundeinkommen ist gegenwärtig das populärste Modell um zu beschreiben, wie künftige Gesellschaften organisiert sein könnten.
Wir machen mit unserem Workshop also ein großes Fass auf.
Damit wir angesichts der Komplexität des Themas und der weitreichenden Implikationen nicht den Mut verlieren, schlage ich den Teilnehmern meines Workshops vor: Vergessen Sie erst einmal alles, was Sie über Kunst, Kultur oder Wirtschaft zu wissen meinen. Besinnen Sie sich auf sich selbst: Sie sind fühlende Wesen. Deshalb sagt Ihnen das Wort Angst auch etwas. Sie sind wahrnehmende Wesen. Deshalb können Sie auch etwas mit Kunst und Ästhetik anfangen. Und Sie sind denkende Wesen: Deshalb haben Sie eine Vorstellung und einen Begriff vom Markt. Wir alle fühlen, nehmen wahr und denken. Und jeder von uns denkt anders, fühlt anders und nimmt anders wahr. Wir unterscheiden uns in vielerlei Hinsicht und suchen doch das Gemeinsame. Das was uns trennt, können wir überwinden. Und das was uns bindet, können wir zerschlagen. Wir haben die Wahl: Wollen wir etwas schaffen oder wollen wir es zerstören. Wollen wir etwas kaputt oder wollen wir es besser machen?
Ich plädiere bei unserem Workshop also dafür, dass wir uns besinnen: Wer sind wir, die wir heute zusammen kommen? Was wollen wir? Haben wir eine Aufgabe? Was ist unsere Pflicht? Gibt es Ziele? Was steht uns und wo stehen wir uns selbst im Weg? Was schränkt uns ein und welche Freiheiten haben wir? Oder haben wir gar keine Freiheiten? Müssen wir revoltieren? Oder eher sanieren? Oder modifizieren? Sind wir stilbewusst? Wie ist unsere Haltung? Sind wir stolz, eitel, selbstzufrieden? Sind wir gerecht oder nicht vielmehr selbstgerecht? Haben wir Tugenden? Welche? Sind wir gebildet? Und wie? Was sind unsere Ansprüche und wie werden wir diesen gerecht?
Solche Fragen stelle ich ausgehend vom Thema: „Die Angst des Künstlers vor dem Markt“.
Wir werden uns also anstrengen müssen.
Zumal wir in Nürnberg sind. Also mitten in der Provinz. Wir befinden uns aber auch in einer europäischen Metropolregion mit mehreren Millionen Menschen. Wir bewegen uns in internationalen, also in großen Verhältnissen. Wir leben in einer Welt im Wandel. Wir erleben eine globale Krise. Und wir können in dieser Krise etwas Neues schaffen. Wir haben mehr Kraft und Möglichkeiten als wir vermuten. Wir sollten uns als Kulturarbeiter eines Besseren besinnen. Wir sollten uns stark machen für bessere Verhältnisse. Wir sollten ebenso kritisch wie selbstkritisch sein. Wir sollten aufgeschlossen sein statt auszugrenzen. Wir sollten eine Elite der vielen sein, die teilen kann und nicht eine Elite der wenigen, die alles für sich beansprucht und dabei jegliches Vertrauen in eine Gemeinschaft zerstört.
Für unser Gespräch wünsche ich mir, dass wir uns besser kennen lernen – jeder für sich und untereinander. Ich wünsche mir, dass wir Ängste erkennen und überwinden, dass wir den Markt als ein Forum definieren und uns vom Markt nicht bestimmen lassen. Und dass wir Künstler als Menschen wahrnehmen, die bei maximaler Freiheit das Bestmögliche wagen. Künstler sind Prototypen des idealen Menschen. Kommen wir ihnen also auf die Spur. Auch wenn nicht jeder ein Künstler sein kann, so ist doch die Haltung des Künstlers entscheidend: Bei höchstem Anspruch an sich und durch konzentriertes, eingeübtes Tun etwas schaffen, das für etwas gut ist, ohne dabei einem anderen Anspruch als dem eigenen gerecht werden zu wollen.
Die Angst des Künstlers vor dem Markt – sofern es sie gibt, hat sie ihre Berechtigung. Denn der Markt konfrontiert uns mit Ansprüchen, denen wir nicht ohne weiteres gerecht werden sollten, selbst wenn wir es könnten. Der Markt ist das Getriebe, das einen erfasst, sobald man sich ihm zuwendet. Vorsicht ist also geboten. Allein mit Businessplan, Marketing und einem Finanzkonzept wird man dem Markt als Künstler oder Kreativer nicht beikommen. Denn wo bliebe dann noch der authentische Inhalt, mithin die Qualität? Doch kommt man wohl nicht umhin, sich mit den Anforderungen des Marktes auseinander zu setzen, wenn man von seinem schöpferischen Tun auch leben will.
Künstler und Kreative sollten sich den Ansprüchen des Marktes nicht widerstandlos hingeben oder gar ergeben. Sie sind unternehmerische Akteure, die unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten bislang kaum Beachtung fanden. Nun werden sie als Wirtschaftsfaktor entdeckt und können damit Wirtschaft und Gesellschaft verstärkt Impulse geben. Ich hoffe, dass diese Impulse neue Formen der Aufmerksamkeit und des Wertens menschlichen Tuns befördern. Wirtschaft sollte vermehrt in den Dienst des Menschen und nicht in den Dienst des Profits gestellt werden.
Die Kultur- und Kreativwirtschaft könnte dabei eine zukunftsweisende Funktion einnehmen. Sofern sie den Künstler und seine Vorbehalte vor dem Markt ernst nimmt.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit - und nun viel Spaß und konstruktive Gespräche beim Workshop.
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Man sollte diesen Text langsam und bewusst in sich aufnehmen.
Wegweisend in der Ausrichtung der Haltung.
Talent in schönstem Ausdruck.
Kommentar von Turet am 11. April 2011 um 8:37am
Kommentar von Michael Schels am 9. April 2011 um 1:36pm
Kommentar von Turet am 9. April 2011 um 11:52am
Kommentar von joerg_knapp am 6. April 2011 um 4:43pm Willkommen bei
Zentrifuge
Hinzugefügt von Michael Schels
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