Zentrifuge

PROTOKOLL

Workshop Kultur- und Kreativwirtschaft
Zentrifuge Nürnberg, 12.12.2009, 14-18 Uhr

Teilnehmer:
Oliver Essigmann (Tänzer), Jens Fiebig (Musiker), Markus Hormeß (Musikmanager, Service Design), Frank Lambrecht (Bildhauer), Michael Niqué (Webentwickler), Carla Orthen (Kunsthistorikerin, Kuratorin), Regina Pemsl (Künstlerin), Linn Quante (Kuratorin, Kulturwissenschaftlerin), Michael Schels (Kulturmanager, Vorstand Zentrifuge e.V.), Ronald Smutny (Projektentwickler), Anja Schoeller (Künstlerin), Michael Sträubig (Spieleentwickler), Markus Teschner (IT-/Web-Produktentwickler), Herbert Turetschek (Lyriker, Bildender Künstler, Kabarettist), Roland Weiniger (Spieleentwickler, Vorstand leadventures e.V., KulturGilde e.V.)

Veranstalter:
KulturGilde e.V., Tübingen und Zentrifuge e.V., Nürnberg


Zusammenfassung
Der Workshop begann mit einer Einführung durch die Veranstalter Michael Schels und Roland Weiniger. Sie erklärten die Entstehung und Zielsetzung des Workshops und stellten die Veranstaltung in einen Bezug zur Initiatitve Kultur- und Kreativwirtschaft der Bundesregierung, dem Projekt koopstadt 2010 (Bremen/Leipzig/Nürnberg) und den Ideenlotsen Bremen. Sie berichteten vom kürzlich in Nürnberg stattgefundenen Freelancecamp und nannte die drei Projekte, die dort erarbeitet und mehrheitlich als entwicklungswürdig befunden wurden: ein Vermittlungs-/Lobby-Büro und Kompetenzzentrum der Kultur- und Kreativwirtschaft in Nürnberg, ein Coworking Space und ein Kulturmagazin der Metropolregion Nürnberg. Mit Verweis auf die aktuelle Stellenausschreibung des RKW (Projektleiter Kultur- und Kreativwirtschaft Bayern) wurde in Übereinstimmung das Büroprojekt vorläufig zurückgestellt. Hierzu gilt es zunächst erste Entwicklungen abzuwarten und eigene Aktivitäten in der Richtung damit zu verknüpfen oder selbst eigene Strukturen in Nürnberg aufzubauen.

Die darauf folgende ausführlichen Vorstellungsrunde der Teilnehmer zeigte, welch breites Spektrum aus den verschiedenen Teilbranchen der Kultur- und Kreativwirtschaft in diesem Workshop vertreten war: von Text/Redaktion über Bildende Kunst, Musik und Tanz bis hin zu IT, Game Design und Service Design. Dies wurde von allen Teilnehmern als sehr vorteilhaft empfunden.

Anschließend gab es eine Diskussion zum Begriff „Kultur- und Kreativwirtschaft“, bei dem erneut der Konflikt zwischen Kultur (im Sinne staatlich/hoheitlicher Aufgabe) und Wirtschaft (in Sinne von profitorientierter Kulturwirtschaft) deutlich wurde: Inwieweit werden künstlerische Freiräume gefährdet, wenn wirtschaftliche Aspekte in den Vordergrund treten? Aber es wurde auch schnell klar, dass hier ein Reflexions- und Erkenntnisprozess im Gange ist, der unterm Strich positiv zu bewerten ist – gerade im Hinblick auf Erweiterung von Realisierungsräumen, Selbstverständnis und spartenübergreifende Vernetzung. Michael Schels verteilte noch ein Paper mit einigen Fakten zur Kultur- und Kreativwirtschaft (s. Anhang), dann organisierten sich die Teilnehmer mit Blick auf die knapp bemessene Zeit in zwei Arbeitsgruppen:

Gruppe 1: Lobby-Arbeit (Moderation: Roland Weiniger)
Gruppe 2: Brainstorming Projektideen (Moderation: Michael Schels)




Ergebnisse Gruppe 1:
Aus dem schon beschriebenen Spannungsfeld, sowie der allgemeinen Situation in der Stadt Nürnberg heraus, wurde das Thema Potentiale und Aktivitäten im Sinne einer Lobbyarbeit in der Arbneitsgruppe kontrovers diskutiert. Dabei traten sehr unterschiedliche Denkmodelle und damit Vorschläge zu einer Vorgehensweise hervor, die in den Lebenshintergründen und Erfahrungen der einzelnen Teilnehmer begründet sind.

Ein Gruppenteilnehmer mit einschlägigen Erfahrungen berichtete von der städtischen Sicht der Dinge. Seiner Einschätzung nach wird die Kultur- und Kreativwirtschaft seitens der Stadt nicht als relevanter Wirtschaftsfaktor gesehen. Die in Nürnberg als einzige Teilbranche überproportional vertretene und wirtschaftlich starke Software- und IT-Industrie wird eher als eigener Branchenzweig betrachtet und durch insuläre Branchenorganisationen (z.B. NIK Nürnberg) vertreten.
Als ein Weg dies aufzubrechen wurde eine Unterschriftenaktion diskutiert, die mittels Einbeziehung von „Leuchtturm-Unternehmen“ (vor allem im starken IT-Sektor) eine bessere Aufmerksamkeit für die neue Branche schaffen. Die Durchführung eines solchen Projektes wurde aber durch die knappen Ressourcen aller Beteiligten als eher schwierig und kaum durchführbar betrachtet.

Als weitere potentielle Ansatzpunkte wurden die Fortführung solcher Workshops und multidisziplinäre Branchengespräche an verschiedenen Orten der Stadt (z.B. Kulturwirtschaft), die Anlehnung an ein Ideenlotsen-Modell in Nürnberg, Anknüpfungen an koopstadt und die Stärkung der Zentrifuge als künftiger Zentralisationspunkt der Branche in Nürnberg genannt.

Grundsätzlich wurden jedoch auch Einwände bzw. Vorbehalte gegen eine Vereinnahmung durch wie auch immer geartete Strukturen geäußert, die auch aufgrund der Kürze der Zeit nicht aufzulösen waren und ein abschließendes gemeinschaftliches Ergebnis verhinderten.




Ergebnisse Gruppe 2:

Folgende Ideen wurden gesammelt, eine Bewertung bzw. Priorisierung fand (noch) nicht statt:
- Medien: Formate für offenen Austausch/Vernetzung entwickeln: BarCamp für Kultur- und Kreativszene; Coworking Space (kontinuierliche Anlaufstelle / Treffpunkt); der Coworkig Space sollte auf die Bedürfnisse der Teilnehmer zugeschnitten sein: Neben Büroarbeitsplätzen wären z.B. auch Räume wünschenswert für Tanz/Theater, Musik-/Videobearbeitung etc. / Auch Übernachtungsmöglichkeiten sollten gegeben sein. Anja Schoeller verwies in diesem Zusammenhang auf das Performance Hotel in Stuttgart: http://performancehotel.wordpress.com/

- Carla Orthen stellte ein koop 2010 Projekt vor, an dem sie mitwirkt und das im Rahmen der Kooperation Nürnberg/Leipzig/Bremen bereits in Arbeit ist: Für 2011 wird gerade ein kultureller Schulterschluss der drei Städte vorbereitet, das den Kunst- und Kulturbetrieb in den drei Städten thematisiert und bei dem der Austausch zwischen N/B/L eine zentrale Rollen spielt.

- „Creative Hotspot“ (nicht die Idee, aber der Arbeitsbegriff stammt von Oliver Essigmann): Ein Ort, an dem Kreativen jeder Couleur alle Wünsche erfüllt werden – von Arbeitsmöglichkeiten über Begegnungen und Austausch bis hin zu angeschlossenen Serviceleistungen, z.B. Vermittlung von Technik, Räumen, Studios – bis hin zu Freizeit- und (Fort-)Bildungsangeboten. Auch ein Hotel, eine Bar, ein Cafe und ein Restaurant sollten vor Ort sein. So ein „Creative Hotspot“ könnte auch ein Anziehungspunkt für Nürnberg-Besucher sein (Messe, Tourismus).

- Virtuelle Community: Eine Web 2.0 Plattform für Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft in der Metropolregion Nürnberg - regionen- und spartenübergreifenden Vernetzung und Kooperation. Mit Informationen und Foren rund um die Kultur- und Kreativwirtschaft.

- Crowd Sourcing: webbasierte Plattform, um Bedürfnisse, Wünsche, Ideen aus der Kultur- und Kreativszene zu sammeln mit dem Ziel, diese auszuwerten und ggf. umzusetzen.
Formate für die Kultur- und Kreativwirtschaft entwickeln bzw. analog umsetzen zu bereits bestehenden Formaten aus der IT-Wirtschaft, z.B. Webmontag (http://webmontag.de/), XING Coffee Club (http://www.xing.com/net/occ/), Start-up-Weekend (http://swn.mixxt.de/).

- Vernetzung mit Unis, Akademie der Bildenden Künste, FHs zum gegenseitigen Nutzen → raus aus dem Elfenbeinturm!

- Wissenschaftliche Begleitung der Prozesse (Sozial-/Kultur-/Betriebswiertschaft etc.)
Engagement anregen und koordinieren, Kooperation mit bestehenden Einrichtungen wie z.B. Zentrum Aktiver Bürger; Tauschbörsen etc.

- Projekte zum Erfahrungsaustausch und gemeinsamen Arbeiten, z.B. die von Michael Niqué initiierte Tinker Night: wöchentlich fixen Termin zum Hardwarebasteln (Fabben, Basteln, Maken und Tinkern)

- Kulturmagazin der Metropolregion: Zur Darstellung von Projekten, Akteuren und Produkten sowie Dienstleistungen der Kultur- und Kreativwirtschaft.


Abschlussbetrachtung und Ausblick
Der Workshop hat gezeigt, dass in Nürnberg noch sehr viel Gesprächsbedarf zum Thema Kultur- und Kreativwirtschaft besteht. Während hier eine gemeinsame Vorgehensweise im Sinne von eigenen Organisationsstrukturen noch nicht herausgebildet werden konnten, wurden die multidisziplinären Austauschmöglichkeiten der Teilbranchen als sehr fruchtbar betrachtet und gemeinsame Projektpotentiale ersichtlich. Die Teilnehmer waren sich nach der Abschlusspräsentation der Arbeitsgruppen einig, das die nun in Nürnberg begonnene Gesprächsinititative fortgesetzt werden soll. Die Veranstalter KulturGilde e.V. und Zentrifuge e.V. erklärten sich bereit entsprechende Formate zu entwickeln und Termine für ein weiteres Treffen im kommenden Jahr vorzuschlagen.


Am Thema Interessierte sind auch aufgerufen, sich bei der Freelancecamp-Gruppe zu registrieren: http://freelancecamp.mixxt.de

Nürnberg, den 14. Dezember 2009
Michael Schels und Roland Weiniger

Tags: Kultur- und Kreativwirtschaft

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